Die Querung des Børgefjells
Bei der Planung meiner Reise hatte ich vor dieser Etappe am meisten Respekt. Der Nationalpark Børgefjell ist ohne Wege und Markierungen. Hier soll die Wildnis erhalten bleiben und nicht einfach zugänglich gemacht werden. Ein paar Flussdurchquerungen stehen an, tiefe Watstellen sind für mich als Alleinwanderer immer ein besonderes Risiko. Diese Etappe ist die einzige, von der ich eine Papierkarte im Rucksack habe, die ich mir schon im letzten Jahr besorgt habe.
Der Beginn ist noch angenehm zivilisiert: 15 km laufe ich auf einer kleinen, wenig befahrenen Landstraße bei schönstem Wetter von Røyrvik zum See Namsvatnet. Vom kleinen Hafen aus habe ich ein Transfer-Boot gebucht, das mich über den See bringen wird. Die meisten Norge-på-langs-Wandernden nutzen dieses Boot, es vermeidet zwei Tage Wühlerei in weglosem Tannenwald. Auf der Bank neben mir warten vier Jungs mit großem Gepäck. Als sie ihre Rucksäcke schultern und ich sie anspreche, erfahre ich, dass sie die anderen vier Passagiere sind und sie gerade mit dem Bootsführer besprochen haben, eine halbe Stunde eher loszufahren. Hätte man mir ja auch mal sagen können.
Die vier Jungs setzen sich vorne in den offenen Bug, ich mache es mir hinten neben den Rucksäcken in der Kuchenbude bequem und wechsele ein paar Worte mit dem Bootsführer. Als er den Hebel für den 150-PS-Yamaha-Außenborder auf den Tisch legt, sind die Jungs vorne richtig cool und ziehen ihre Kapuzen zu. Ich genieße hinten die Fahrt in der Sonne, während wir mit 25 Knoten über den See rauschen.
Auf der anderen Seite angekommen, beginnt die Wildnis. Ich folge einem breiten Tal, das einen sanften Aufstieg auf die Höhen des Børgefjells vermittelt. Auch wenn es nasse Schuhe gibt, folge ich den Sumpfen und Mooren. Das ist einfacher, als sich durch die Birkenwäldchen und Weidenbüsche zu schlagen. Mit zunehmender Höhe öffnet sich die Landschaft, es gibt mehr und mehr Wind und die Mücken, die unten schon sehr lästig waren, werden vorsichtiger. Auf den Weiten des Børgefjells lässt sich gut laufen. Für den Abend finde ich einen wunderbaren Zeltplatz an einem kleinen See. Es sind zwar Wolken aufgezogen, aber noch ist es trocken. Bei offenem Zelt kann ich die Aussicht nach dem Abendessen genießen. Was für ein Blick, was für eine Stille!
Am nächsten Morgen regnet es und es geht ein kalter Wind. Ich zögere den Aufbruch hinaus und koche noch einmal Kakao im Zelt. Der weitere Weg ist etwas unübersichtlich, ich darf nicht in die weiten Täler nach Osten abdriften. Aber ich finde mich gut zurecht, und die Flussdurchquerungen sind nicht mehr als knietief, also Gott sei Dank keine großen Gefahren. Die Schuhe bleiben bei den Querungen immer an, ohne Schuhe hätte man auf den Steinen im Flussbett überhaupt keine Sicherheit. Hinterher werden die Schuhe, ausgeleert, Socken und Einlegesohlen ausgewrungen, und dann geht es halt mit nassen Füßen weiter. Sie werden schon wieder warm.
Zum Abstieg finde ich im zweiten Anlauf dann auch den Pfad, der auf der Karte eingezeichnet ist und mich durch den Wald hinunterführen wird. Markiert ist er kaum, aber gut ausgetreten und an allen fraglichen Stellen sind wunderschöne, kleine Pfeile aus Holz aufgestellt. Ich bin wahrscheinlich schon recht müde, sodass ich den Pfad gequert habe, ohne es zu merken. erst als ich 100 Meter weiter auf die Karte schaue, stelle ich fest, dass ich ein Stück zurück muss. Unten auf der Straße angekommen, laufe ich noch zwei Stunden in die Nacht hinein. Ich möchte morgen rechtzeitig in Hattfjelldal sein, um noch in Ruhe einkaufen zu können. Einen Zeltplatz finde ich auf dem Schrottplatz eines Bauern. Wenn man das Zelt zumacht, ist die Aussicht ganz erträglich.
Am nächsten Morgen bin ich früh auf der Landstraße. Nach 10 Minuten hält ein VW Bus neben mir und die Dame deutet mir an, ich solle einsteigen. Als ich zögere meint sie: "Du läufst wohl Norge på langs?" Ich darf meinen Rucksack hinten in den Bus legen, sie gibt mir ihre Telefonnummer. Ich solle sie anrufen, wenn ich in Hattfjelldal bin, sie arbeitet dort. So kann ich 25 km schnell und ohne Last auf den Schultern gehen. Erstaunt bin ich allerdings, dass mir nun ohne Rucksack die Schultern weh tun, mit Rucksack hatte ich nie Probleme.
In Hattfjelldal wird mein Rucksack nach einem kurzen Anruf vor den Laden geliefert, wo ich auf einer Bank sitze. Dann checke ich im Hotel ein und werde äußerst freundlich empfangen, mit einem Kaffee und einer Flasche Mineralwasser. Die heiße Dusche tut gut, ich kann Wäsche waschen und genieße ein bezogenes Bett. Wie wunderbar sind diese kleinen Hotels, die im Abseits der großen Touristenströme liegen.
Ich bin in der Provinz Nordland und damit in Nordnorwegen angekommen.



Fahrt über den Namsvatnet.

Anschließend geht es weglos den Berg hinauf.



Zeltplatz mit Aussicht.




Durch solches Gelände suche ich mir meinen Weg: Flüsse, Birkenwäldchen, offenes Fjell.

Liebevolle Markierungen: Der Holzpfeil zeigt an, wo der Weg weitergeht.

Zeltplatz mit Ofen. Angeheizt habe ich nicht mehr, es war ja schon 23.00 Uhr.


Hattfjelldal, downtown.


