Lars Langhorst • 18. September 2026

Nach Norden bis ans Meer

Ich mache mich auf zur letzten Etappe meiner Wanderung. Dass sie mich noch einmal in wunderbare Momente und in die tiefsten Tiefen führen wird, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Zuerst steht eine Entscheidung an: Laufe ich auf der Straße oder folge ich dem Wanderweg? Ohne genaue Informationen beschließe ich, dem Wanderweg zu folgen. Straße hatte ich seit Alta schon genug. 

Nach der sehr langen Etappe gestern brauche ich morgens lange, bis ich fit bin. Ich frühstücke in Ruhe, gehe im kleinen Laden einkaufen und habe Glück, noch die letzte Packung Polarbrød und die letzte Packung Gudbrandsdalsost zu bekommen. Knäckebrot und Kaviar hatte ich schon genug auf dieser Reise, zurzeit brauche ich etwas Abwechslung. 

Gegen 12:00 Uhr komme ich los. Einige Kilometer folge ich der Straße, dann biegt der Wanderweg ab. Meistens ist er gut und liebevoll markiert, an manchen Stellen bin ich allerdings etwas unsicher, wo es weitergeht. Aber mit Hilfe der Karte ist es einfach zu finden. Anfangs geht es durch den gewohnten Birkenwald hinauf, doch schnell erreiche ich die Hochebene mit ihren weiten Blicken, die ich so liebe. Auf einer Fahrspur komme ich gut voran. Die Sonne scheint, die Aussicht von hier oben ist grandios, auf Berge und auf den Porsangerfjord auf der anderen Seite. Über weite Strecken folge ich den Rentierzäunen. Immer wieder muss ich sie überklettern, Tore für den Wanderweg gibt es hier oben nicht. In den Tagen dieser Etappe bin ich bestimmt über 30 Zäune geklettert. Ein Quadfahrer, der mir entgegenkommt, hält an. Wir unterhalten uns eine Weile in einer Mischung aus Norwegisch und Englisch. In der Ferne höre ich öfter Schüsse. Die Jagdsaison auf die Fjellhühner, die Rype, ist eröffnet.

An einem kleinen See finde ich einen schönen Zeltplatz. Ich schlafe früh ein. Die Sonne geht ja schon gegen 19:30 Uhr unter, ich bin hier weit im Osten der Zeitzone. 

Auch der nächste Tag hat noch einmal richtig schönes Wetter, erst ab morgen Nacht ist Wind und dann zunehmender Sturm angesagt. Lange folge ich einem hohen Bergrücken mit wunderbaren Aussichten nach Osten und Westen. In einer kurzen Pause genieße ich den Ausblick nach Norden und sehe am Horizont einen eindrücklichen Berg. Der Kompass bestätigt meine Vermutung: An dieser Stelle ist zum ersten Mal das Nordkapp sichtbar. Ein bewegender und seltsamer Moment – nach Monaten der Wanderung ist nun das Ziel das erste Mal in Sicht. 

Abends suche ich mir einen geschützten Zeltplatz an einem kleinen Fluss. Möglicherweise frischt der Wind heute Nacht schon auf, da sollte ich nicht oben auf der offenen Hochebene zelten. Gegen 22:00 Uhr – ich war schon lange eingedöst – werde ich noch einmal wach und beschließe, kurz draußen nach dem Rechten zu sehen und die Abspannung des Zeltes zu kontrollieren. Ich öffne das Zelt und staune: Über mir ein Schauspiel von Nordlicht! Lange stehe ich draußen neben dem Zelt, schaue und staune. Mit immer neuen Strukturen leuchtet das Nordlicht über den Himmel. Mal wie ein Pfeil, mal wie ein Kreis, der den halben Himmel einschließt. Ich kann mich kaum satt sehen, aber nach einer Dreiviertelstunde ist es vorbei und es bleibt nur der Sternenhimmel mit der Milchstraße. Ich brauche lange, bis ich nach diesen Bildern einschlafen kann.

Ganz schwach in Bildmitte am Horizont: Das Nordkapp ist das erste Mal zu sehen! Was für ein besonderer Moment.



Am nächsten Morgen bleibt es sonnig, aber der Wind hat deutlich aufgefrischt. Netterweise kommt der Wind aus Süden, sodass ich ihn im Rücken habe. Durch einen lockeren Birkenwald steige ich ab, er erinnert mich in der Herbstfärbung fast an eine schwäbische Obstwiese. Dann erreiche ich das Meer. Der Wanderweg führt eine ganze Weile am Meer entlang. Die Ausblicke Richtung Westen sind weit und groß. Immer wieder staune ich über einsame Häuser, die längst nicht mehr bewohnt sind. Wie einsam haben früher hier Menschen gewohnt, vom Fischfang gelebt und von dem Wenigen, was die Felder hier hergegeben haben. Erschrocken bin ich über den vielen Müll, der herumliegt. Durch das Meer angeschwemmt gibt es unheimlich viel Plastik in unterschiedlichen Erhaltungszuständen. Zerbrochene Plastikkanister, Auftriebskörper, Seilabschnitte, eine Thermoskanne und ein Helm – alles ist hier zu finden. An diesen einsamen Stränden wird deutlich, wie sehr die Meere zu einer Müllkippe verkommen sind. Gedanken, die mich nachdenklich machen. 

Das Wetter verschlechtert sich. Der Wind nimmt zu und wird kälter, dazu kommt nun Regen. Einen Gebirgspass will ich noch queren, um im Tal direkt vor dem Tunnel möglichst geschützt zelten zu können. Nach einer Flussdurchquerung komme ich noch einmal in wirklich alpines Gelände, wo ich sorgsam laufen muss. Um einen kleinen See geht es herum, es folgt eine lange Querung auf der Höhe und dann ein sehr steiler Abstieg ins Tal. 200 Meter vor dem Tunnel zur Insel Magerøya, auf der das Nordkapp liegt, finde ich am Fluss einen guten Zeltplatz inmitten von Blaubeeren. Im engen Tal bin ich gut windgeschützt. Der Platz hier unten ist etwas beengt, und so steht das Zelt etwas schräg. Ich rutsche nachts gegen die Außenwand und schlafe nicht sehr tief.

Um 5:00 Uhr klingelt der Wecker. Ich möchte früh los, um vor dem großen Verkehr durch den Tunnel laufen zu können. Sieben Kilometer ist er lang und führt unter dem Meer hindurch. Auf beiden Seiten hat er einen Fußweg von circa einem Meter Breite. Wie gewohnt gehe ich auf der linken Seite und es lässt sich gut laufen. Man muss nur aufpassen, sich nicht an einem der Verkehrsschilder zu stoßen, die in Kopfhöhe hängen und natürlich nur für den Gegenverkehr beleuchtet sind. Anfangs läuft es sich leicht und beschwingt, denn es geht ziemlich bergab. Der tiefste Punkt des Tunnels liegt 220 Meter unter dem Meer. Es ist der mit Abstand tiefste Punkt meiner Wanderung. Dass heute aber noch ein wirklicher Tiefpunkt kommen wird, ahne ich noch nicht. Ab der Hälfte des Tunnels geht es mit 10 % Steigung wieder hinauf. Der Verkehr ist erträglich. In der guten Stunde, die ich im Tunnel bin, zähle ich insgesamt 46 Fahrzeuge. Auch die Luft ist besser als erwartet. 

Direkt am Meer geht es entlang.

Manches, was das Meer anspült, wird zum Blumenstrauß.

Und ab unter die Erde, in den Tunnel zur Magerøya, zur Insel, auf der das Nordkapp liegt.

Der Höhenmesser auf der Uhr wird zum Tiefenmesser: 221 Meter unter dem Meer. Der tiefste Punkt meiner Wanderung.



Am Tunnelportal greift der Sturm mit voller Kraft zu. An einem kleinen Rastplatz direkt hinter dem Tunnel ziehe ich das Regenzeug an. Die Toiletten sind bereits abgeschlossen, diese Saison ist vorbei. Auf der folgenden Brücke muss ich mich schon sehr gegen den Wind stemmen, der nun aus West bis Nordwest kommt. Obwohl ich auf dem Gehsteig gehe, muss ich stehen bleiben, wenn ein Auto mir entgegenkommt. Zu groß ist mir die Gefahr, dass mich der Sturm auf die Fahrbahn weht. 

Nach ein paar Kilometern biege ich von der Straße ab und folge einem kleinen Tal, um dann mit einem steilen Aufstieg die Hochebene zu gewinnen. Offiziell soll hier der Wanderweg entlanglaufen und ich entdecke auch vereinzelte Markierungen. Allerdings ist der Weg nicht durchgehend markiert, ich laufe wie gewohnt nach Karte und navigiere mit dem Smartphone.

Hier oben weht es richtig. Ich muss mich hart gegen den Wind stemmen. Entgegen der Wettervorhersage regnet es stark, ich werde immer nässer. Die als wasserdicht beworbenen neuen Handschuhe lassen den Regen gut durch und wirken nach einer halben Stunde eher wie ein nasser Umschlag. Außerdem ist das Futter so gebaut, dass man die Handschuhe kaum noch über die nassen Hände anziehen kann. Da ich die rechte Hand zur Bedienung des Smartphones brauche, bleibt sie eben ohne Handschuh und ist entsprechend kalt. 

Auf der Hochebene drifte ich etwas weit nach Westen ab. Ich bin zu sehr mit dem Sturm beschäftigt, um den Kompass herauszuholen und ordentlich zu navigieren. Ich bin durchnässt und mir ist kalt. Zufällig sehe ich oben am Horizont ein Auto fahren. Dort muss also die Straße sein. Ich erreiche sie nach einer halben Stunde und kann ihr nun folgen. An einer Abzweigung treffe ich wieder auf die E69, der ich nun bis zum Nordkapp folgen kann. Noch 20 Kilometer, das sollte heute zu schaffen sein. Bis 17:00 Uhr hat die Nordkapphalle noch offen. 

Gegen die Kälte gehe ich mit schnellem Schritt an. Doch der tiefe Atem ist ein erstes Anzeichen einer Unterkühlung. Ich werde einfach nicht wärmer. Die Regenschauer lassen nicht nach, der Sturm steigert sich eher. Ich fange an zu zittern und die Zähne beginnen zu klappern. Die Finger sind schon lange steif von der Kälte, die Füße in den nassen Schuhen fühle ich kaum noch. In zehn Kilometern gibt es einen Campingplatz mit Hütten. Aber meine Finger sind so kalt, dass ich das Smartphone nicht mehr bedienen kann, um nachzugucken, ob der Campingplatz überhaupt noch offen hat. Spätestens jetzt wird mir klar: Ich bin im ersten Stadium der Unterkühlung. Im nächsten Stadium wird meine Fähigkeit zum Entscheiden eingeschränkt sein, das Zittern wird aufhören und möglicherweise werde ich dann auch schon die Kälte nicht mehr empfinden. Ich muss Notfallmaßnahmen einleiten. Ich kenne zu viele Berichte von Bergunfällen, die damit beginnen, dass Notfallmaßnahmen viel zu spät begonnen worden sind. 

Von der Straße gehe ich hinunter in eine kleine Mulde, um zumindest aus dem stärksten Sturm erstmal heraus zu sein. Dort überlege ich: Was sind meine Optionen? Zur Nordkapphalle sind es noch 15 Kilometer, und sie ist nur eine temporäre Option. Auf dem Nordkapp-Plateau zu zelten wird bei diesem Sturm unmöglich sein. Der Campingplatz fällt als Option aus, da ich nicht weiß, ob er noch offen hat. Bis dorthin durchzupowern, um dann nicht ins Trockene und Warme zu kommen, würde meine Situation wesentlich verschlimmern. Im äußersten Notfall könnte ich immer noch den SOS-Knopf am InReach drücken und eine Rettungsaktion in Gang setzen. Oder ich könnte mich mit roter Jacke und rotem Rucksacküberzug einfach auf die Straße legen, dann würde das nächste Auto schon anhalten.


Ich schaue mich um: Zehn Meter neben mir fließt ein kleiner Bach, Wasser ist also da. Eine ebene Fläche gibt es auch. Ich beschließe, hier und jetzt das Zelt aufzubauen. Nun bewährt sich, dass ich das Zelt immer so packe, dass das niedrige Ende zuerst kommt und die Abspannleine aus dem Zeltsack heraushängt. So kann ich die Leine mit einem Hering sichern, den ersten Teil des Zeltes aus dem Sack holen, die erste Stange einstecken und abspannen. Dann kommt der Rest aus dem Zeltsack und die zweite Stange kann eingesteckt werden. Es dauert alles unendlich lange mit meinen steifen Fingern, aber es gelingt mir und schließlich steht das Zelt. Ich bin froh, als ich unter die Apsis krieche und den Reißverschluss schließen kann. Endlich bin ich aus dem Wind heraus. Im Zelt ziehe ich meine nasse Kleidung aus, dabei wird das Innenzelt richtig nass. Mit dem Lappen muss ich anschließend erst einmal trocken wischen, damit der Schlafsack keine Feuchtigkeit bekommt. Diese Katastrophe bräuchte ich nun wirklich nicht. 

Schließlich liege ich in der trockenen Schlafkleidung im Schlafsack und kann einen heißen Kakao kochen. Es dauert Stunden, bis ich wieder ganz warm bin. Aber ich werde warm, das ist das Wichtigste. Das Nordkapp muss nun bis morgen warten. Ein paar letzte Vorräte habe ich noch, sie reichen für heute Abend gut und morgen auch für ein kleines Frühstück. Dann werde ich alles aus dem Rucksack aufgegessen haben. Abends klart der Himmel etwas auf und es gibt sogar etwas Nordlicht. Leider ist es fast verschwunden, als ich endlich das Handy zum Fotografieren aus dem Zelt gekramt habe. Heute ist im Zelt ein ziemliches Durcheinander.

Sturm und Regen.



Der Wind lässt über Nacht nach. Morgens ist es fast windstill, nur die laut Wetterbericht versprochene Sonne lässt, wieder einmal, auf sich warten. Dass ich morgens nasse Socken und nasse Schuhe anziehe, daran habe ich mich auf meiner Wanderung längst gewöhnt. Neu ist, dass ich auch die Hose morgens erst einmal auswringe, bevor ich sie anziehe. Zügig baue ich das Zelt ab. Ich möchte endlich loslaufen, um warm zu werden und die Kleidung am Körper etwas zu trocknen. Doch ein Hering fehlt, er muss gestern beim chaotischen Zeltaufbau abhandengekommen sein. Eine halbe Stunde suche ich im Gras, dann gebe ich auf und laufe los. 

15 Kilometer auf der Straße bis zum Kap. Immer wieder habe ich Ausblicke über das Meer und auf den markanten Nordkappfelsen. Immer mehr kommt auch die Sonne heraus, wärmt mich und taucht die Landschaft in ein wunderbares Licht. Nach zweieinhalb Stunden ist es so weit: Das Ziel meiner Reise liegt vor mir. 

Um die Nordkapphalle herum gehe ich zum Globus: Ich bin angekommen. Nach vier Monaten Wanderung, nach knapp 2800 Kilometern, nach Millionen von Schritten bin ich angekommen. "This is it" – mit diesen Worten schicke ich der Familie das Zielfoto. Dann kommen mir die Tränen. Ich muss einfach weinen, aus Glück, aus Erleichterung. Meine Gefühle passen nicht zu den Wohnmobil-Touristen, die an der Weltkugel Fotos machen. So drehe ich mich um, stelle mich ans Geländer, schaue auf die Barentssee und lasse meinen Tränen freien Lauf. Dann mache ich noch ein paar Fotos an der Weltkugel. Eine Dame bietet mir an, mich zu fotografieren. Ich drücke ihr mein Handy in die Hand und nehme sie jedoch kaum wahr. Ich stehe nicht in Siegerpose, es ist kein Jubel und keine überschwängliche Champagnerlaune. Es ist einfach nur ein ganz tiefes Glück, das mich erfüllt. Ich bin da, im Hier und Jetzt. Ich bin angekommen.

Nach einer Viertelstunde wird der Wind doch kalt und ich hoffe auf einen Kaffee in der Nordkapphalle. Die kostet allerdings über 30 € Eintritt. Dafür gäbe es auch ein Diorama und eine Lichtinstallation, die an Nordlicht erinnern soll. Ich lehne dankend ab. Dann eben keinen Kaffee. So eine Touristenfalle brauche ich jetzt wirklich nicht, und Nordlicht hatte ich live und in Farbe.

Mit langsamen Schritten bummele ich los, ohne Ziel. Ich gehe die Straße, die ich gekommen bin, nun nach Süden. Das erste Mal in Monaten, dass ich nun der Sonne entgegengehe. Ein Radfahrer hält neben mir, er ist mit dem Fahrrad von Kap Lindesnes hergefahren. Wahrscheinlich geht es ihm wie mir, dass er in die Stimmung hier am Kap nicht hineinpasst. Ich erzähle kurz von meiner Reise, er bewundert mich dafür. Doch ich bin noch so sehr mit meinen Gefühlen und Gedanken beschäftigt, dass ich ihn kaum wahrnehmen kann. Immer wieder kommen mir die Tränen.

Auf der Zielgeraden.

Was für ein Moment: Ich bin angekommen!

Endloser Blick über die Barentssee.



Ich brauche eine Stunde, bis meine Schritte wieder kräftiger werden und ich wieder Richtung finde. Ich habe ja noch 15 Kilometer zurück bis Skarsvåg. Denn ich habe Glück: Dienstags kann man einen Rufbus buchen, der von Skarsvåg nach Honningsvåg fährt. Das erspart mir 25 Kilometer laufen auf der Straße. Aber dazu muss ich rechtzeitig an der Haltestelle sein.

Ich komme zügig voran, bin eineinhalb Stunden vor der Abfahrtszeit an der Haltestelle. Auf einer Treppe an der Kirche finde ich eine windgeschützte Ecke in der Sonne und döse ein wenig. Nach 15 Minuten klingelt mein Telefon, eine norwegische Nummer wird angezeigt. Ein Taxiunternehmen meldet sich: Sie fahren im Auftrag der öffentlichen Busgesellschaft Snelandia und könnten mich schon in 15 Minuten hier abholen. Hocherfreut stelle ich mich an die Straße. Nach zehn Minuten fährt ein weißer Tesla vor, die Kofferraumklappe öffnet sich und die Türgriffe fahren aus. Ich werfe meinen Rucksack in den Kofferraum, steige ein und will dem Fahrer mein Busticket zeigen, was ihn jedoch nicht interessiert. In Honningsvåg fährt mich der nette somalische Taxifahrer direkt vor mein Hotel. Eine gute Stunde früher als geplant kann ich einchecken, mir im nahen Laden etwas zu essen kaufen und die heiße Dusche genießen.

Jetzt brauche ich Zeit, um die nasse Ausrüstung und noch mehr meine Gefühle und Gedanken zu sortieren.

Rückblick aufs Nordkapp.

von Lars Langhorst • 21. September 2026
Am Nordkapp bin ich angekommen. Jetzt genieße ich die ruhigen Tage in Honningsvåg und beginne Gedanken und Gefühle zu sortieren. Es ist Zeit für ein erstes Fazit: Was hat meine Pilgerreise ausgemacht? Pilgern: Zum einen wollte ich jeden Tag mit einem Psalm beginnen. Zum anderen wollte ich, wie die alten Mönche, eine Reise in eine Wüste tun. Mit den Psalmen hatte ich bald meine Schwierigkeiten. Nein, ich habe hier keine Feinde, um deren Vernichtung ich bitten müsste. Nein, ich möchte nicht, dass alle Gottlosen verschwinden, wie in den Psalmen oft gebetet wird. Vielleicht sind sie ja zu etwas nützlich. Zum Beispiel als anregende Gesprächspartner mit anderer Meinung. Die Psalmen wurden mir fremd, und ich habe sie zunehmend morgens einfach weggelassen. Die Wüste, wie die Mönche sie nennen, war für mich das, was ich Reduktion nennen würde. Ich musste mit Wenigem auskommen. Ich habe nun vier Monate lang das gleiche Hemd und die gleiche Hose getragen. Noch einschneidender: Ich hatte oft keinen Internetempfang, und wenn, dann musste ich Strom sparen. Über viele Tage war ich offline, es gab keine Ablenkungen durch soziale Netzwerke oder durch das Surfen im Internet. Wüste: Meine Reise war hart. Sehr viel härter, als ich mir das in der Planung vorgestellt hatte. In der Planung am Schreibtisch sieht es einfach aus, 25 Kilometer am Tag zu laufen und abends das Zelt zu genießen. In der Wirklichkeit ist es hart, wenn zehn Tage lang die Schuhe nicht trocknen, wenn ein Sumpf nach dem anderen kommt und man morgens nasse Socken und Schuhe anzieht. Es ist hart, wenn im tagelangen Regen das Zelt morgens nass abgebaut und abends als feuchtkalte Höhle wieder aufgebaut wird, wenn die Feuchtigkeit Stück für Stück eben in alles hineinkriecht und alle Kleidung in unterschiedlichen Graden klitschnass, nass, feucht oder klamm ist. Es ist hart, wenn die Schultern nach drei Stunden weh tun und ich weiß, dass der Tag noch sechs bis sieben Stunden Wanderung für mich hat. Es ist hart, wenn die Füße weh tun - das wurde Gott sei Dank besser mit der Zeit. Ich habe mehr gefroren, als ich gedacht habe. Auf den offenen Bergstrecken hat der Wind oft richtig reingefasst. Ich hatte Hunger, oft haben sich die Gedanken nur ums Essen gedreht. Wie seltsam muss ich geschaut haben, als im Polarsirkelsenter die Bedienung mir einen Teller mit einem großen Hamburger und reichlich Pommes frites brachte und ich enttäuscht darauf sah: Soll das jetzt eine ganze Portion sein? Ich war oft einsam und wusste: Wenn ich jetzt den Weg hier in den Wald hinauf gehe, weiß niemand mehr, dass ich je dagewesen bin. Und dennoch, oder vielleicht deswegen: Es war wunderbar! Auf der langweiligen E6 über das Sennalandet wich mir ein entgegenkommender LKW großzügig aus, so wie die Profis es hier oben tun. Er blinkte frühzeitig links, wechselte ganz auf die linke Spur, um mich in großem Abstand zu passieren. Ich bedankte mich mit zum Gruß erhobener Hand und einem angedeuteten Nicken. Er erwiderte meinen Gruß mit einem kurzen Griff zum Horn und einem kurzen Aufblitzen seiner Polarnacht-Scheinwerferbatterie. Und ich freute mich wie ein kleiner Junge, dem zugewunken wird, fast, dass mir vor Freude die Tränen kamen. Es ist ein Glück, unterwegs zu sein. Ich bin im Hier und Jetzt angekommen. Drei Gedanken aus Gesprächen bleiben mir im Gedächtnis. In der großen, bedienten Hütte Bjørneggen saßen wir nach dem Abendessen noch zusammen. Wir sprachen über Meditation, Gebet, über Wege zum Glück und zum inneren Frieden. Wir sind uns einig: Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen, um die eigenen Gefühle zu spüren, um sich selbst wahrzunehmen. Wie schnell betäuben wir uns mit dem abendlichen Glas Bier oder Wein, mit dem Wischen durch die Videos im Internet, mit Konsum. Ich bin froh, dass ich durch die Reduktion der Dinge und Eindrücke in der Natur auf meiner Reise so sehr viel Zeit hatte. In die Alvdalshytta war ich hineingestolpert mit der falschen Information, es sei eine öffentliche Hütte. Dass ich mich selber eingeladen habe, ist mir im Nachhinein immer noch peinlich. Dennoch bekam ich ohne Rückfrage einen Kaffee, wurde eingeladen mich am Tisch aufzuwärmen und ich kam ins Gespräch mit Vater und Sohn, die die Hütte gemietet hatten. Wir sprachen darüber, wie schön ein Feuer im Ofen ist nach einem langen Regentag im Fjell, wie gut ein Abendessen nach einer langen Wanderung tut, wie genussvoll ein trockenes Zelt sein kann. Der Vater meinte: Es braucht die Härte der Berge, das Frieren und den Hunger, um genießen zu können. Ohne die Härte bliebe der Komfort einfacher Konsum, wir würden ihn nie mit diesem Glück empfinden. Die Sonne brannte auf den Asphalt, als ich von Vinstra im Gudbrandsdalen ins Rondane aufstieg. Ärgerlich war, dass schlechtes Wetter angesagt war: Wenn ich oben in der schönen Landschaft sein würde, würde es regnen und kalt sein, möglicherweise alles in Wolken verschwinden. Meine Laune hielt sich in Grenzen. Ein kleiner Suzuki-Geländewagen hielt auf meiner Höhe mitten auf der Straße, der Fahrer sprang heraus, machte die Hecktür weit auf und sagte, erst Norwegisch und dann Deutsch: "Das musst du dir anhören!" Und mit voller Lautstärke spielte er mir alpenländische Volksmusik vor. Anschließend kamen wir ins Gespräch und er, der vor langen Jahren aus Österreich nach Norwegen ausgewandert war, erzählte, dass er auf dem Weg zu seiner Hütte sei. Er werde fischen gehen. Als ich ihn im Gespräch auf seine Fröhlichkeit ansprach, verriet er mir sein Lebensmotto: "Lebe jeden Tag! Sterben tust du nur einmal." Einen Psalm habe ich morgens nur manchmal gelesen. An seine Stelle trat etwas Anderes. Seit langer Zeit gehört es zu meinen Gewohnheiten, beim Wandern morgens kurz innezuhalten. Wenn alles gepackt ist, wenn das Zelt wieder im Rucksack ist und der Zeltplatz wieder frei, wenn ich den Rucksack aufgesetzt habe, verweile ich kurz. Ich schaue mich um, ob ich nichts vergessen habe. Ich prüfe, ob alle Wertsachen am richtigen Ort sind, und ich gehe die geplante Route des Tages im Kopf durch: Wo könnten Schwierigkeiten liegen? Wie muss ich meine Kräfte einteilen? Wann wird es dunkel, worauf muss ich in der Zeitplanung achten? Seit einigen Wochen kommt zu dieser Morgenroutine nun ein Gebet: Ich danke Gott für den Tag, der beginnt. Ich bitte nicht für den Tag, sondern danke, quasi im Voraus. Danke, dass ich diesen Tag geschenkt bekomme! Ich danke für Sonne oder Wind, für Energie oder Kälte, und für die Menschen, denen ich an diesem Tag begegnen werde. Und dann laufe ich los. Inzwischen bin ich wieder in Alta und hatte endlich Zeit, mich in Ruhe in die Nordlicht-Kathedrale zu setzen. Ich hatte in meiner Pilgerreise das Gefühl, angekommen zu sein.
von Lars Langhorst • 13. September 2026
Einen Ruhetag genieße ich in Alta. Ich kaufe neue Schuhe, da meine alten, vertrauten Wanderschuhe im Leder auseinanderbrechen. Offensichtlich haben sie die viele Nässe nicht gut vertragen. Nun trage ich Halbwanderschuhe, angemessen für die letzten Etappen und für die Rückfahrt. Die alten, vertrauten Schuhe verstaue ich ganz unten im Rucksack. Wegwerfen möchte ich sie nicht, dazu haben sie mir in den letzten 2000 Kilometer zu gut gedient und mich sicher und ohne jegliche Blasen getragen. Abends zeigt sich einmal kurz Nordlicht über der Stadt, aber bevor ich draußen bin, um einen vernünftiges Foto zu machen, ist es schon wieder verschwunden. Von Alta bis Olderfjord werde ich der E6 folgen. Der ausgeschilderte Wanderweg geht weit östlich an Alta vorbei, und mich wild durchs Gelände zu schlagen - dazu fehlt mir im Moment die Lust. Also nehme ich den einfachsten Weg und laufe 120 Kilometer an der E6 entlang. Es wird schon nicht so viel Verkehr sein hier oben. Ungewohnt ist: Ab jetzt steht mein Ziel "Nordkapp" auf den Straßenschildern mit Kilometerangabe angeschrieben. Bin ich auf der Zielgeraden? Anfangs ist die E6 noch stark befahren. Der Vorortverkehr von Alta sorgt dafür. Gott sei Dank habe ich auf den ersten Kilometer noch einen Bürgersteig oder Fußweg. Dann geht es hinauf ins Gebirge, die lange Querung des Sennalandet steht an und der Verkehr wird sehr viel weniger. Bevor ich die Waldgrenze überschreite, suche ich mir einen Zeltplatz für die Nacht. Ich finde ihn in einem kleinen Wäldchen an einem munter glucksenden Bach direkt in der Nähe der Straße. Ich schlafe gut, nur morgens wache ich erschreckt auf: Ich hatte geträumt, ich würde mitten auf der Landebahn eines Flugplatzes zelten und die Flugzeuge müssen um mich herumfahren. Ich brauche ein paar Minuten, bis ich richtig wach bin und mir klar wird: Es war nur ein LKW, der auf der Straße vorbeifuhr. Zeltplätze in Straßennähe haben eben auch ihre Nachteile.
von Lars Langhorst • 12. September 2026
Aus einem Ruhetag in Kautokeino werden zwei: Mein Magen reagiert auf irgendetwas. Obwohl ich großen Hunger habe, kann ich doch kaum etwas essen. Möglicherweise war irgendein Seewasser, was ich geschöpft habe, nicht in Ordnung. Wahrscheinlich hätte ich bei stehenden Gewässern konsequent entkeimen müssen, die Tabletten Mikropur habe ich ja dabei. Doch nun ist es wie es ist, und ich sitze hier erst einmal fest. Immerhin habe ich eine beheizbare Hütte. Es ist, wenn auch nicht gemütlich, so doch trocken und warm. Am zweiten Ruhetag komme ich in eine wirkliche Krise. Ich habe keine Lust mehr auf die Finnmarksvidda im Regen, ich bin wütend auf die norwegische Wettervorhersage, die trockenes Wetter ankündigt, und dann gibt es starken Regen. Ich merke, wie ich in Versuchung komme: Vor der Rezeption des Campingplatzes fährt dreimal am Tag der große gelbe Bus nach Alta, der Rückflug ist flexibel umbuchbar, in zwei Tagen könnte ich bei den Lieben in Bremerhaven und zuhause am Frühstückstisch sein. Eine solche Krise hatte ich seit Fagernes nicht mehr, als mein Fuß Probleme machte ( hier mein Artikel von damals). Es muss jetzt etwas passieren, sonst gerät mein ganzes Projekt in Gefahr. Ich beschließe: Egal wie es mir geht, ich laufe los. Ich habe ja das Zelt dabei, und die meiste Zeit ist der Wanderweg nicht weit weg von der Straße. Vermutlich habe ich sogar Mobilfunk. Der Weg wird nicht sehr anstrengend werden und hat keine großen Steigungen: Zuerst muss ich ca. 20 km der E45 folgen, dann kann ich auf die alte Straße abzweigen. In den 30er Jahren wurde eine im Sommer fahrbare Straße von Alta nach Kautokeino gebaut, sie geht bis heute als kleine Schotterstraße schnurgerade durch die Finnmarksvidda. Bis auf eine Brücke sind alle Brücken noch intakt. So habe ich Aussicht, dass sogar die Schuhe ein paar Tage lang trocken bleiben. Also: Los! Mittags um 13:00 Uhr komme ich endlich los, Aufräumen und Packen dauert unendlich lange. Ich merke bald: Das Laufen tut mir gut. Es bringt meinen Körper und meine Seele wieder ins Gleichgewicht, der Rhythmus der Schritte, die Langsamkeit, in der die Landschaft vorbeizieht, der Fluss des Atmens. Ich bin froh, wieder unterwegs zu sein. Erstaunlicherweise schaffe ich noch fünfundzwanzig Kilometer, bevor mich die Dunkelheit zwingt das Zelt aufzubauen. Inzwischen wird es hier um 19:30 Uhr dunkel. Ich erwische einen schönen Zeltplatz. An das Wasser im Bach kommt man relativ schlecht heran, damit kann ich gut leben. Für größere Waschaktionen draußen ist es sowieso zu kalt. Meinem Zeltplatz direkt gegenüber steht ein großes verwittertes Holzkreuz, der Querbalken zeigt nach Norden. Mit diesen Kreuzen im Abstand von 100 m ist vor ca. 250 Jahren ein Winterweg über die Finnmarksvidda markiert worden, um eine erste Postroute einzurichten, damals mit Rentierschlitten. Mir wird heute Abend die Wegmarkierung, das Kreuz, zu einem Zeichen: Es wird weitergehen nach Norden, und es wird gut weitergehen. Am nächsten Morgen geht es so weiter, immer geradeaus durch die herbstliche Vidda. Die Wettervorhersage stimmt immer noch nicht, es ist keinesfalls trocken, sondern jede Stunde gibt es einen ordentlichen Schauer, dazwischen genug Nieselregen. Der sonst so zuverlässige norwegische Wetterdienst liegt seit einer Woche zuverlässig daneben. Mir kommen einige Schlittenhundegespanne entgegen. Einer der Musher hält an, und wir unterhalten uns ein paar Minuten. Ich merke bald, dass ich mit einem der berühmtesten Hundeschlittenführer Norwegens spreche, er hat schon 27 mal am Finnmarksløpet teilgenommen. Der Finnmarksløpet von Alta aus ist das längste und wichtigste Hundeschlittenrennen Europas, von der Schwierigkeit her vergleichbar mit dem berühmten Iditarod in Alaska. Er erzählt, wie jetzt im Herbst die Hunde langsam trainiert werden, um sich an die Distanzen zu gewöhnen. Mit 20 km am Tag geht es los. Dann werden die Hunde unruhig und wollen weiter. Ich komme mittags an der Fjellstube Souvoluopmi vorbei und genieße es, einkehren zu können. Sie ist unheimlich gemütlich eingerichtet, der Service ist großartig. Ich genieße ein Sandwich mit geräucherter Rentierzunge und anschließend Kaffee und Waffel. Sogar die Sonne lässt sich blicken, da sieht das Leben doch gleich viel besser aus. So vergeht der Tag zwischen den herbstlichen niedrigen Birken. An einer Flussüberquerung baue ich abends das Zelt auf, auf der anderen Flussseite hinter dem Hügel nächtigt ein Hundeschlittengespann mit zwei Musherinnen. Abends bei der Fütterung gibt es noch einmal richtig Radau, dann sind die Hunde die Nacht über ruhig. Am Sonntag erreiche ich dann nach 36 km wie geplant Alta. Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite, ich spaziere durch das neue Zentrum und beziehe mein Hotelzimmer. Morgen habe ich hier einen Ruhetag.