Kautokeino
Aus einem Ruhetag in Kautokeino werden zwei: Mein Magen reagiert auf irgendetwas. Obwohl ich großen Hunger habe, kann ich doch kaum etwas essen. Möglicherweise war irgendein Seewasser, was ich geschöpft habe, nicht in Ordnung. Wahrscheinlich hätte ich bei stehenden Gewässern konsequent entkeimen müssen, die Tabletten Mikropur habe ich ja dabei. Doch nun ist es wie es ist, und ich sitze hier erst einmal fest. Immerhin habe ich eine beheizbare Hütte. Es ist, wenn auch nicht gemütlich, so doch trocken und warm.
Am zweiten Ruhetag komme ich in eine wirkliche Krise. Ich habe keine Lust mehr auf die Finnmarksvidda im Regen, ich bin wütend auf die norwegische Wettervorhersage, die trockenes Wetter ankündigt, und dann gibt es starken Regen. Ich merke, wie ich in Versuchung komme: Vor der Rezeption des Campingplatzes fährt dreimal am Tag der große gelbe Bus nach Alta, der Rückflug ist flexibel umbuchbar, in zwei Tagen könnte ich bei den Lieben in Bremerhaven und zuhause am Frühstückstisch sein. Eine solche Krise hatte ich seit Fagernes nicht mehr,
als mein Fuß Probleme machte
(hier mein Artikel von damals). Es muss jetzt etwas passieren, sonst gerät mein ganzes Projekt in Gefahr.
Ich beschließe: Egal wie es mir geht, ich laufe los. Ich habe ja das Zelt dabei, und die meiste Zeit ist der Wanderweg nicht weit weg von der Straße. Vermutlich habe ich sogar Mobilfunk. Der Weg wird nicht sehr anstrengend werden und hat keine großen Steigungen: Zuerst muss ich ca. 20 km der E45 folgen, dann kann ich auf die alte Straße abzweigen. In den 30er Jahren wurde eine im Sommer fahrbare Straße von Alta nach Kautokeino gebaut, sie geht bis heute als kleine Schotterstraße schnurgerade durch die Finnmarksvidda. Bis auf eine Brücke sind alle Brücken noch intakt. So habe ich Aussicht, dass sogar die Schuhe ein paar Tage lang trocken bleiben. Also: Los!
Mittags um 13:00 Uhr komme ich endlich los, Aufräumen und Packen dauert unendlich lange. Ich merke bald: Das Laufen tut mir gut. Es bringt meinen Körper und meine Seele wieder ins Gleichgewicht, der Rhythmus der Schritte, die Langsamkeit, in der die Landschaft vorbeizieht, der Fluss des Atmens. Ich bin froh, wieder unterwegs zu sein.
Erstaunlicherweise schaffe ich noch fünfundzwanzig Kilometer, bevor mich die Dunkelheit zwingt das Zelt aufzubauen. Inzwischen wird es hier um 19:30 Uhr dunkel. Ich erwische einen schönen Zeltplatz. An das Wasser im Bach kommt man relativ schlecht heran, damit kann ich gut leben. Für größere Waschaktionen draußen ist es sowieso zu kalt.
Meinem Zeltplatz direkt gegenüber steht ein großes verwittertes Holzkreuz, der Querbalken zeigt nach Norden. Mit diesen Kreuzen im Abstand von 100 m ist vor ca. 250 Jahren ein Winterweg über die Finnmarksvidda markiert worden, um eine erste Postroute einzurichten, damals mit Rentierschlitten. Mir wird heute Abend die Wegmarkierung, das Kreuz, zu einem Zeichen: Es wird weitergehen nach Norden, und es wird gut weitergehen.
Am nächsten Morgen geht es so weiter, immer geradeaus durch die herbstliche Vidda. Die Wettervorhersage stimmt immer noch nicht, es ist keinesfalls trocken, sondern jede Stunde gibt es einen ordentlichen Schauer, dazwischen genug Nieselregen. Der sonst so zuverlässige norwegische Wetterdienst liegt seit einer Woche zuverlässig daneben.
Mir kommen einige Schlittenhundegespanne entgegen. Einer der Musher hält an, und wir unterhalten uns ein paar Minuten. Ich merke bald, dass ich mit einem der berühmtesten Hundeschlittenführer Norwegens spreche, er hat schon 27 mal am Finnmarksløpet teilgenommen. Der Finnmarksløpet von Alta aus ist das längste und wichtigste Hundeschlittenrennen Europas, von der Schwierigkeit her vergleichbar mit dem berühmten Iditarod in Alaska. Er erzählt, wie jetzt im Herbst die Hunde langsam trainiert werden, um sich an die Distanzen zu gewöhnen. Mit 20 km am Tag geht es los. Dann werden die Hunde unruhig und wollen weiter.
Ich komme mittags an der Fjellstube Souvoluopmi vorbei und genieße es, einkehren zu können. Sie ist unheimlich gemütlich eingerichtet, der Service ist großartig. Ich genieße ein Sandwich mit geräucherter Rentierzunge und anschließend Kaffee und Waffel. Sogar die Sonne lässt sich blicken, da sieht das Leben doch gleich viel besser aus.
So vergeht der Tag zwischen den herbstlichen niedrigen Birken. An einer Flussüberquerung baue ich abends das Zelt auf, auf der anderen Flussseite hinter dem Hügel nächtigt ein Hundeschlittengespann mit zwei Musherinnen. Abends bei der Fütterung gibt es noch einmal richtig Radau, dann sind die Hunde die Nacht über ruhig.
Am Sonntag erreiche ich dann nach 36 km wie geplant Alta. Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite, ich spaziere durch das neue Zentrum und beziehe mein Hotelzimmer. Morgen habe ich hier einen Ruhetag.




Holzkreuz, es zeigt nach Norden.

Brücke auf dem Weg.

Schlittenhunde beim Herbsttraining.

Immer wieder am Weg: Anlagen zum Sammeln, Zählen, Beringen und Verladen der Rentiere.


Morgens: Eis auf dem Zelt.





Angekommen in Alta: Die Nordlichtkathedrale.


